DAFG-Termine

München
24.05.2013, 13:00-14:30 Uhr
Podiumsdiskussion: "Betreuung arabischer Studierender in Deutschland: Erfolge, Erfahrungen, Anregungen" Veranstaltung im Rahmen der Europäisch-Arabischen Karriere- und Bildungsmesse KUBRI.

 

Berlin
31.05.2013, 19:00 Uhr
Ausstellungseröffnung: "Bildteppiche aus Harrania" mit Teppichen aus der Webschule El Awadly, Harrania in Ägypten.

 

Berlin
03.06.2013, 18:30-20:30 Uhr
Podiumsdiskussion: "Wirtschaft im Fokus: Umbrüche in Nordafrika – Herausforderung soziale Marktwirtschaft". Gemeinsame Veranstaltung mit der Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

München
05.06.2013, 11:00-14:00 Uhr
Workshop: „Geschäfts- und Investitions- möglichkeiten in Bahrain“. Gemeinsame Veranstaltung mit der vbw - Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V.

andere Terminhinweise

 

Partner-veranstaltungen


Die dritte Ausgabe der Europäisch-Arabischen Karriere- und Bildungsmesse KUBRI findet am 24. und 25. Mai 2013 an der TU München - Campus Garching statt.

DAFG-Firmenmitglieder erhalten 20% Rabatt auf die Ausstellergebühren. Der Besuch der Messe ist kostenlos.

 

Ausschreibungen

 

DAAD-Ausschreibungen: Kooperation mit Ägypten und Tunesien

 

Bewerbungsphase für Zayed Future Energy Prize 2014 gestartet:
Der Zayed Future Energy Prize ist eine weltweit herausragende Auszeichnung für Innovationen im Bereich erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit.

 

 
Search: 

Buchbesprechungen

Michael Thumann
Der Islam-Irrtum. Europas Angst vor der muslimischen Welt
Eichborn-Verlag, Frankfurt a.M. 2011

Gaby Barton
Grüße aus Dubai I – Kleines Buch von großen Visionen
Books on Demand, Norderstedt 2008

Driss Chraïbi
Die Zivilisation, Mutter!
Unionsverlag; Zürich 2009

Reise in die Sahara.
Kulturkompass fürs Handgepäck

Unionsverlag, Zürich 2009

Walid Taher
Mein neuer Freund, der Mond
Edition Orient, Berlin 2009

Susan Schenk
Das Islambild im internationalen Fernsehen. Ein Vergleich der Nachrichtensender Al Jazeera English, BBC World und CNN International.
Verlag Frank & Timme, Berlin 2009

Johannes Zang
Unter der Oberfläche. Erlebtes aus Israel und Palästina
AphorismA Verlag, Berlin 2007  

Salwa Al Neimi
Der Honigkuss
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008

Rafik Schami 
Das Geheimnis des Kalligraphen
Hanser Verlag, München 2008

Sulaiman Addonia
Die Liebenden von Dschidda
Hoffmann und Campe Verlag 2009

Claudia Ott
Gold auf Lapislazuli - Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients
C .H. Beck-Verlag, München 2008

Najem Wali
Jussifs Gesichter. Roman aus der Mekka-Bar
Hanser Verlag, München 2008

Sherry Jones
Aisha – Das Juwel von Medina
Pendo Verlag

Dorothee Pielow
Der Stachel des Bösen: Vorstellungen über den Bösen und das Böse im Islam
Würzburg: Ergon 2008.

Andreas Unger (unter Mitwirkung von Andreas Christian Islebe)
Von Algebra bis Zucker: Arabische Wörter im Deutschen
Stuttgart: Reclam 2006.

Friedemann Büttner (Redaktion)
SympathieMagazin „Palästina verstehen“
Ammerland: Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, 2008. 

Al-Hamarneh, Ala/Thielman, Jörn
Islam and Muslims in Germany. Muslim Minorities (Volume 7)
Brill (Leiden/Bristol), 2008, 591 S.

 

Am Nasenring der Vorurteile - Rezension von Dr. Michael Blume

Michael Thumann
Der Islam-Irrtum. Europas Angst vor der muslimischen Welt
Eichborn-Verlag, Die Andere Bibliothek - Band 319, 336 Seiten,
ISBN:9783821862385, Frankfurt a.M. 2011, 32,- Euro

Wenn es um Muslime geht, haben seriöse Journalisten und Religionswissenschaftler spätestens seit dem 11. September 2001 ein gemeinsames Problem: Sie treffen auf populäre Vorstellungen, wonach die Religion(en) angeblich alles politische Handeln erklärten. Niemand käme, wie der langjährige ZEIT-Korrespondent Michael Thumann einleitet, auf die absurde Idee, die abendländische Bankenkrise direkt aus Bibelversen herzuleiten. Geht es jedoch um Vorgänge in arabischen Ländern, müsse grundsätzlich der Koran herhalten.

Der wirtschaftliche und politische Aufstieg der demokratisch verfassten Türkei sowie vor allem die nicht-islamistischen Aufstände der tunesischen und ägyptischen, aber auch jemenitischen, bahrainischen und syrischen Massen gegen ihre jeweiligen Herrscher hat diese Klischees zuletzt immerhin stark erschüttert.
Wählt Thumann nun das andere Extrem und will uns erklären, religiöse Fragen spielten in der Politik der Türkei, des Maghreb und des Nahen und Mittleren Ostens keine Rolle? Nein, dem Journalisten gelingt etwas viel Besseres: Er kombiniert die Stärken journalistischer und wissenschaftlicher Analysen, um ein realistisches Bild der Vorgänge zu entwerfen, für die Religion ein bedeutender, aber eben nicht der allein entscheidende Faktor sind.

Thema für Thema führt uns Thumann zu interessanten Personen, die gängige Klischees in Frage stellen: Ägyptische Demonstranten, einfache Menschen, die in der Erfahrung spontaner, demokratischer Selbstorganisation Würde und Selbstvertrauen gewonnen haben. Muslimbrüder, die untereinander um die Frage ringen, ob und wie sie am demokratischen Prozess teilnehmen. Und ägyptische Intellektuelle, die sich westlich-aufgeklärt geben, aber von Politik immer fern gehalten haben, um die ihnen von der Diktatur gewährten Privilegien nicht zu gefährden. Arabische Frauenrechtlerinnen von Marokko bis Saudi-Arabien, die durchaus nicht einig sind, ob Fortschritte gegen oder durch den Islam zu erringen sind.
Angehörige der alten, türkischen Elite, die sich als säkular und westlich verstehen, aber zugleich die Demokratie ablehnen, weil sie den einfachen Menschen – darunter Kurden, Religiösen, Bauern – misstrauen. Kurden, die zwischen mehreren Ländern mit unterschiedlichsten Systemen pendeln. Und türkisch-islamische Geschäftsleute, die den neuen, boomenden Mittelstand des Landes begründen, aber auch den schleichenden Versuchungen der Macht zu erliegen beginnen.
Den saudi-arabischen Ex-Fanatiker, der erst im Gefängnis wagte, ihm vorher "verbotene" Bücher zu lesen. Und den sunnitischen Islamisten in Bahrain, der von den USA schwärmt, da diese den Iran und die schiitische Mehrheit im eigenen Land in Schach halte. Den libanesischen Drusenführer, der zwischen Sunniten, Christen und schiitischen Gruppen wie der Amal und Hisbollah mehrere Koalitionswechsel vollzogen hat, um sein Volk und seine Privilegien zu schützen. Die Moderatorin von al-Dschasira, die dem iranischen Botschafter das Wort entzieht, als dieser seine Redezeit überschreitet.

Thumann belässt es dabei nicht bei den Schilderungen dieser und zahlreicher weiterer, spannender Begegnungen – er ergänzt sie jeweils durch die Darstellung kundiger, politikwissenschaftlicher Analysen. Statt einer einheitlichen "grünen Masse" werden so die Gesellschaften in ihrer Vielschichtigkeit an Geschichten und Motiven erkennbar, die es unmöglich machen, die Menschen einfach in "gut" (z.B. prowestlich) und "böse" (z.B. religiös) einzuteilen. Wie das Christentum der Vergangenheit und Gegenwart auch wird der Islam sowohl für die Bekämpfung wie für die Begründung von Demokratie und Menschenrechten gebraucht. Und umgekehrt konnten säkular-nationalistische Eliten wie in Ägypten, Libyen und der Türkei ethnische Konflikte und den radikalen Islamismus nutzen und sogar schüren, um damit gegenüber dem Westen wiederum Unterdrückungsmaßnahmen zu rechtfertigen und ihre Macht zu sichern.
An dieser Stelle gelingt Thumann zu zeigen, warum westliche Irrtümer über "die" Muslime gerade kein zu vernachlässigendes Randproblem darstellen: Sie werden sowohl von Machthabern wie Terroristen bereitwillig genutzt, um amerikanische und europäische Außenpolitik am Nasenring durch die außenpolitische Arena zu führen. Nicht nur in den afghanischen Bergen machen an Eliteuniversitäten ausgebildete westliche Strategen immer noch die Erfahrung, dass Jahrzehnte des Überlebens aus vermeintlich ungebildeten Dorfältesten, Feudalherren und Warlords schlaue und wechselbereite Akteure gemacht haben. Wer sich da auf simplen Modellen und Klischees ausruht, wurde und wird über den Tisch gezogen – mit oft furchtbaren Konsequenzen sowohl für den Westen wie auch für die vielen Menschen jener Regionen, denen ein Leben mit mehr Rechten, Freiheiten und Chancen zustünde.

Der Autor schafft es daher nicht nur, einen packend geschriebenen und überaus informativen Wegweiser durch den Dschungel aktueller Veränderungen vorzulegen. Sein Buch ist darüber hinaus eine eindringliche Beweisführung für den Schaden, den intellektuelle Bequemlichkeit gegenüber "dem Islam" im In- und Ausland anrichtet. Die arabischen Aufstände haben nicht nur Regime, sondern auch lieb gewordene Vorurteile erschüttert. Thumann zeigt, dass darin eine echte Chance liegt.

Michael Blume
Der Rezensent ist Religionswissenschaftler an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

[Diese Rezension ist im Original auf der Homepage spektrumdirekt erschienen und wurde mit freundlicher Genehmigung der Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH übernommen.]

 

Gaby Barton: Grüße aus Dubai

Gaby Barton
Grüße aus Dubai I – Kleines Buch von großen Visionen
188 S., Books on Demand, Norderstedt 2008, ISBN: 978-3-837-02778-5

Ein kleines Taschenbüchlein mit großen Geschichten, die teilweise aus Interviews hervorgegangen sind oder aus der Anschauung der Autorin stammen. Im Plauderton erzählt Gaby Barton, studierte Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin, die heute selbst teileweise in Dubai lebt, von den Träumen und Projekten mancher „Aussteiger“ in Dubai. Die „Goldgräberstimmung“ zieht seit einigen Jahren immer mehr Menschen an, die auf das große Geld hoffen. Wie aus den einzelnen Erzählungen zu ersehen ist, sind viele Menschen nicht richtig vorbereitet, wenn sie nach Dubai kommen. Sie haben oft Erwartungen in ihrem Gepäck, die so einfach nicht zu erfüllen sind. Die so ganz andersartigen Regeln in dem Land zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman sind den Meisten nicht klar und werden daher teilweise „schmerzhaft“ am eigenen Leib erfahren. Viele „Locals“, die es nicht nötig haben zu arbeiten, sind nicht auf die Projekte der Ausländer angewiesen und daher verlieren sie auch schon mal das Interesse, wenn nicht alles glatt geht – oder andere Projekte werden plötzlich interessanter.

In dem Büchlein kommen unterschiedliche Menschen zu Wort, Männer wie Frauen, Deutsche in der Regel, aber auch einem schweizer Ehepaar begegnet der Leser mehrfach. Trotz aller Schwierigkeiten haben die Befragten nie aufgegeben, sondern an ihren Traum geglaubt und dafür hart gearbeitet, was ihnen letztendlich zu Erfolg, Reichtum und Anerkennung verholfen hat.

Man darf gespannt sein, wie es in den beiden angekündigten Fortsetzungen „Grüße aus Dubai 2. Das kleine Buch von großen Erlebnissen.“ und „Grüße aus Dubai 3. Das kleine Buch vom großen Geld.“ weitergeht.
Ulrike Askari

 

 

Driss Chraïbi: Die Zivilisation, Mutter!

Driss Chraïbi
Die Zivilisation, Mutter!
187 S., Unionsverlag; 2009, ISBN: 978-3293204638, 8,90 Euro

Der bereits 1972 erschienene Roman „Die Zivilisation, Mutter!“ des Marokkaners Driss Chraïbi wurde jetzt vom Unions-Verlag neu herausgegeben. Chraïbi, der zum Studium 1945 nach Frankreich ging und dort blieb, gilt als einer der Wegbereiter der modernen maghrebinischen Literatur. Der Roman „Die Zivilisation, Mutter!“ schildert teils autobiografisch aus Sicht der beiden Söhne das Leben der Mutter, deren Namen der Leser an keiner Stelle des Romans erfährt. Sehr einfühlsam, voller aufrichtiger Liebe und mit viel Humor wird das Leben einer gut situierten Mutter und Ehefrau erzählt, die im Marokko der 30er Jahre, erst 16 Jahre alt, verheiratet wurde, keine Schulbildung hatte und lediglich für den Haushalt und die Kinder verantwortlich war. Nie verlässt sie das Haus. Doch als die Kinder heranwachsen, verhelfen sie der Mutter zu den ersten Schritten in die Freiheit. Mit einer unbändigen Lebenslust entdeckt sie ihre Umgebung und beginnt, sich zu emanzipieren, zu bilden, Fragen zu stellen. Das Wunderbare an der Geschichte: Ihr Ehemann hindert sie nicht, zunächst scheint er ihre Entwicklung zu ignorieren, doch letzten Endes führt kein Weg an dem neuen Selbstbewusstsein seiner Frau vorbei und er ist sogar bereit, selbst entsprechend mit zu reifen.
Eine visionäre Allegorie auf die Entwicklung der Frauen in Marokko, aber auch der gesamten marokkanischen Gesellschaft, die sich vom französischen Protektorat ablöst.
Ein herrlicher Roman, so ohne jede Anklage, so voller Bewunderung für die mutigen Frauen, nicht nur in Marokko, die aus den traditionellen Bahnen ausbrechen und sich selbst suchen und finden.
Ulrike Askari

 

Spiegelkabinett der Sahara

Reise in die Sahara,  Kulturkompass fürs Handgepäck

Reise in die Sahara. Kulturkompass fürs Handgepäck
Unionsverlag, Zürich, 2009, 288 S., ISBN: 978-3-293-20471-3, 12,90 Euro

Als Ergänzung zum klassischen Reiseführer hat der Verlag die Bände der Reihe „Bücher fürs Handgepäck“ gedacht. Es ist eine ganz junge Reihe, aus der viele Bücher erst in diesem Jahr erschienen sind. Sie enthalten verschiedene Texte über ein Land, eine Region oder stammen von Schriftstellern aus einem bestimmten Land.
„Reise in die Sahara“ ist eine Sammlung von ganz unterschiedlichen Texten, teils literarische etwa von Antoine de Saint-Exupéry, Ibrahim al-Koni, Malika Mokeddem oder Albert Camus, teils Reiseberichte oder Ergebnisse ethnographischer Studien wie die von Ines Kohl, Gerd Spittler, Sven Lindquist u. a. Dementsprechend unterschiedlich ist auch der „Unterhaltungswert“ der einzelnen Texte. Nicht alle Texte lassen sich so leicht dahin lesen. Manche bedürfen durchaus der intensiveren Auseinandersetzung, weil sie kritisch mit Land und Leuten umgehen, Seiten aufzeigen, die man als Tourist selten oder gar nicht zu sehen oder hören bekommt wie z. B. in dem Text von Ines Kohl über „Die feinen Abstufungen von Weiß bis Schwarz“, in dem es um das diffizile soziale Gefüge der Tuareggesellschaft geht.
Manche Texte sind richtige Kurzgeschichten, die trotz kritischen Inhalts leicht lesbar sind wie „Der Brunnentaucher“ von Sven Lindquist, nicht aber gleich leicht verdaulich. Das gilt z. B. auch für die Geschichte von Saint-Exupéry über den „Freikauf des Sklaven Bark“.
Als Leser gewinnt man nach all den Texten, gleich ob sachlich oder literarisch, den Eindruck, dass in der Sahara die Zeit stehen geblieben ist. Die Tuareg ziehen immer noch mit ihren Herden durch die Wüste, bauen ihre Zelte dort auf, wo es Nahrung für die Tiere gibt und ziehen weiter, wenn alles abgegrast ist. Dass es aber doch nicht ganz so ist, zeigt auf drastische Weise der Beitrag von Kurt Pelda „Schnee in der Sahara“. Die Drogenbosse aus Südamerika haben die Sahara als Transportweg für Kokain entdeckt, das nach Europa und Skandinavien weitertransportiert werden soll.
Ein facettenreiches Buch, das einen Blick auf die Sahara wirft, als wenn man in ein Spiegelkabinett schaut. Irgendwann taucht die Frage nach der Realität auf. Welche Realität sehe ich? Aber je länger ich hinsehe, umso unwichtiger wird die Antwort. „Will man ein Buch über die Sahara schreiben, geht man drei Tage dorthin; will man einen Artikel darüber schreiben, bleibt man drei Monate; bleibt man drei Jahre, braucht man darüber kein Wort mehr zu verlieren,“ sagt der Berberschriftsteller Mouloud Mammeri.
Ulrike Askari

 

Walid Taher: Mein neuer Freund, der Mond

Walid Taher
Mein neuer Freund, der Mond
20 Seiten, Edition Orient 2009, ISBN 978-3922825661, 14,95 Euro
Deutsch von Petra Dünges

Kinder haben viel Phantasie. Sie reden mit Gegenständen, als wenn sie belebt wären. Und das tun sie überall auf der Welt. Auch in Ägypten. Walid Taher, der selbst Vater ist und in Kairo als Kinderbuchillustrator und -autor arbeitet, hat eine Geschichte dazu geschrieben.
Der kleine Karim stellt eines Abends auf seinem Heimweg fest, dass der Mond immer an seiner Seite ist, egal um welche Ecke er mit seinem Fahrrad biegt. Zu Hause erzählt er dem Vater ganz begeistert, dass der Mond mit ihm spielen wollte. Mal habe er sich mal versteckt, dann wieder gezeigt, ihn aber kein einziges Mal verlassen. Der Vater versucht, seinem Sohn zu erklären, dass der Mond weit weg und riesig groß ist. Doch der kleine Karim hält an seiner Version fest, dass der Mond sein neuer Freund sei, und deshalb fühle er sich ihm auch ganz nah.
Das Büchlein ist sparsam und mit vielen runden Formen illustriert. Die Texte sind einfach, kurz und verständlich, mit anderen Worten kindgerecht. Ein weiterer Pluspunkt an diesem Buch ist seine Zweisprachigkeit. Die Texte auf Deutsch und Arabisch zu haben, ist sowohl für bilingual aufwachsende Kinder ein Gewinn wie auch für Leseanfänger des Arabischen, da der arabische Text komplett vokalisiert ist.

Ulrike Askari

 

Das Islambild im internationalen Fernsehen

Susan Schenk: Das Islambild im internationalen Fernsehen

Susan Schenk
Das Islambild im internationalen Fernsehen. Ein Vergleich der Nachrichtensender Al Jazeera English, BBC World und CNN International. Mag.-Arb.
172 Seiten, Verlag Frank & Timme, Berlin 2009 ISBN: 9783865962249, 26,80 EUR

Mit ihrer Magisterarbeit legt Susan Schenk eine Studie zu der sich immer weiter verbreitenden Diskussion zum Islambild in den Medien vor. Dabei handelt es sich aber nicht einfach um eine weitere Veröffentlichung zu diesem Thema, sondern der Autorin gelingt es, eine sozusagen doppelte Forschungslücke zu identifizieren und auch gleich den ersten Schritt zu deren Schließung zu unternehmen. So beschäftigt sich Susan Schenk mit dem Medium Fernsehen, welches im Gegensatz zu den Printmedien bisher nur selten zum Untersuchungsgegenstand gemacht wurde und führt mit Ihrer Arbeit gleichzeitig die erste Untersuchung durch, die die Internationalen Nachrichtensender (in diesem Beispiel Al Jazeera English, BBC World und CNN International) hinsichtlich Ihrer Berichterstattung zum Thema „Islam“ mit quantitativen Methoden analysiert. 

Für den Leser von besonderem Interesse ist bei dieser Arbeit die Verschiebung des Blickwinkels: Ausgangspunkt der Studie sind nicht – wie sonst meist üblich – deutsche, europäische bzw. westliche Medien im Allgemeinen, sondern der relativ junge Sender Al Jazeera English, dessen eigene Maxime es ist, eine „different perspective on news“ zu liefern und als „channel of reference for the Middle East events, balancing the current typical information flow by reporting from the developing world back to the West and from the southern to the northern hemisphere“ zu agieren. Susan Schenk nimmt ihn beim Wort und hebt ihn auf den Prüfstand. Sie stellt also die Frage welches Islambild Al Jazeera English im Vergleich zu CNN International und BBC World zeichnet. Oder, im Umkehrschluss: „Werden der Islam, Muslime und islamische Länder bei Al Jazeera English anders dargestellt als bei CNN International und BBC World?“.

Der interessierte Leser wird nun spontan ganz ähnliche Hypothesen im Kopf haben, die auch Susan Schenk untersucht und höchstwahrscheinlich ebenso verblüfft sein, wenn er die Ergebnisse der Studie liest. Es ist nämlich keinesfalls so, dass besagte Themen bei Al Jazeera English mehr Raum einnehmen oder in positiverem Licht erscheinen: „Die Nachrichtenberichterstattung des jungen Senders AJ English ist mit der Berichterstattung von BBC World und CNN International durchaus vergleichbar und kann als Äquivalent zur westlichen Berichterstattung genutzt werden. Der Sender berichtet inhaltlich und formal wie seine westlichen Konkurrenten das Islambild differenziert sich kaum“. Die Haupterklärung dafür ist einleuchtend: Auch Al Jazeera English ist den Strukturen des internationalen Nachrichtengeschäfts unterworfen: „Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Islambild von AJ English kaum zu dem von CNN International und BBC World unterscheidet. Bis auf die Akteursstruktur [es kommen mehr Muslime direkt zu Wort; Anmerkung des Verfassers] kann AJ English seinem Selbstverständnis in den untersuchten Nachrichten nicht gerecht werden: Kriege und Politik bestimmen die Medienagenda der internationalen Nachrichtensender. Der Islam tritt vor allem als politischer Islam auf, in dem Berichte über Auseinandersetzungen islamischer Extremisten mit muslimischen Staaten überwiegen. Die meisten Berichte stammen dabei aus der Region des Nahen Ostens. Süd-Ost-Asiatische Länder, in denen die meisten Muslime leben, werden kaum zum Medienthema. Die Berichterstattung ist negativ. Dialoge der beiden ‚Kulturkreise’ finden selten statt. Das Verhältnis des Westens zu der der islamischen Welt ist eher von Konflikt und Abgrenzung gezeichnet. Stereotype Präsentationen durchziehen jeden zweiten Beitrag – auch in der Berichterstattung von AJ English sind sie gleichermaßen frequent“.

Als Fazit lässt sich sagen, dass nicht nur die inhaltlichen Aspekte dieser quantitativen Analyse – insbesondere ihre Ergebnisse – hochinteressant sind, sondern die Arbeit auch methodisch einiges zu bieten hat, von dem Studierende der Sozialwissenschaften durchaus lernen können. Leider wird das Buch aufgrund seines für Wissenschaftsverlage üblich hohen Preis die Studenten wohl eher in die Bibliothek als in den Buchladen führen. Aber auch für ein breites Publikum ist diese Studie interessant und empfehlenswert – wenn auch die für Magisterarbeiten notwendige (und in diesem Fall sehr gute) wissenschaftliche Methodik und Fachsprache das Buch zu einer anspruchsvollen Lektüre macht. Vielleicht wird die Autorin ihre Ergebnisse ja einmal in publizistischer Form einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Björn Hinrichs

 

Erlebtes aus Israel und Palästina

Johannes Zang: Unter der Oberfläche

Johannes Zang
Unter der Oberfläche. Erlebtes aus Israel und Palästina
196 S., AphorismA Verlag, Berlin 2007, ISBN: 978-3865750044, 15 Euro

Der Nahost-Konflikt mit seinem Wirrwarr an politischen Meinungen, multilateralen Treffen und Beschlüssen, verhärteten Fronten und gewaltsamen Ausbrüchen löst beim deutschen Betrachter nicht selten Reaktionen aus, die zwischen verständnislosem Schulterzucken, resigniertem Gähnen und entschlossenem Tanz auf rohen Eiern oszillieren. Ein anderes Gefühl hinterlässt das Buch von Johannes Zang – in diesem Jahr, in dem sich jüdische Einwanderung, Balfour-Erklärung, Teilungsplan, Sechs-Tage-Krieg und erste Intifada in runden Zahlen jähren. Weder politisch analysierend noch historiographisch forschend vermitteln die Beobachtungen von Zang einen Eindruck davon, was „Unter der Oberfläche“ in Israel und den palästinensischen Gebieten geschieht. Was er beschreibt, geht über den Nachrichtenwert der Ereignisse hinaus, fragt nach Woher und Wohin der Menschen, beobachtet einfühlsam, nicht still und unbeteiligt. Zangs Buch erklärt nicht den Konflikt, sondern seine Auswirkungen. Dennoch gibt ein Glossar Aufschluss über Organisationen und Fachbegriffe, wodurch die Schilderungen auch Fachfremden leicht zugänglich sind. Den Text begleiten Zitate von Betroffenen und Analytikern, aus Kommissionsberichten und Zeitungen. Kommentierte Literaturempfehlungen regen zum Weiterlesen an.Die Zusammenstellung aus eigenen Erlebnissen, Schicksalen von Einzelpersonen und Familien sowie allgemeinen Fakten erhebt gar nicht erst den Anspruch politisch korrekter Balance: Zang möchte von Unrecht, das Palästinensern widerfährt, erzählen. Dabei stellt er nicht Israel an den Pranger, sondern seine Politik, die das Leben für Palästinenser und Israelis, wenn auch in unterschiedlichem Maße, erschwert, ja, teilweise unmöglich macht. Für Zang ist offensichtlich: Israel besetzt illegaler Weise Gebiete und verübt Unrecht. ...Seit 2005 lebt und arbeitet der Journalist, Organist und Musiklehrer im, wie er es beharrlich nennt, „Heiligen Land“. Er ist gläubiger Christ, kann sich auf hebräisch und arabisch verständigen. Dennoch protzt Zang nicht mit der Neutralität eines außenstehenden Besserwissers. Weil er das Land, die Leute kennt und liebt, durchziehen die Implikationen des Konflikts sein eigenes Leben, Denken und Fühlen.Die Erzählungen folgen den Jahreszeiten. Beginnend mit dem Sommer beschreibt Zang, was ihm am stärksten unter den Nägeln brennt: Den Abriss von Häusern, Folter in israelischer Haft, die Wirtschaftspolitik. Abschnitte darüber, wie die Sprache den Gegner dämonisiert; wie der palästinensische Christ, der seinen Weinberg im Wust israelischer Gesetzgebung vor Enteignung schützen will, Verordnung um Verordnung befolgt. Es landen Schläge in der Magengrube: Die Friedensaktivistin Rachel Corrie, die von einem Bulldozer plattgewalzt wird, die nüchterne Rechnung, wonach die Entwicklungshilfe für Palästina genau die Kosten für israelisch verursachte Schäden deckt. Manchmal ist es heikel, was Zang mit deutlichen Strichen zu umreißen sucht, und wer Anstoß nehmen will, findet passende Passagen.Der Herbst zeichnet ein Bild von Melancholie und Traumata auf beiden Seiten. Zang spricht mit Angehörigen von Opfern der Selbstmordattentate, beschreibt die eigene Angst auf dem Fahrrad neben dem Bus. Gleichzeitig verwahrt sich Zang vor medialer Panikmache, fordert religiöse Führungspersönlichkeiten zu aktivem Friedenshandeln auf und bekundet seinen Überdruss an den Dogmen des Alten Testaments. Unauflösbar scheint die Zähigkeit des Konflikts, die alles lähmt. Selbst Friedenskonferenzen, bei denen um jedes Wort gefeilscht wird, zeigen eher graue Gemüter als konsensorientierte Köpfe.Starre Eiseskälte im Winter legt bürokratischen und menschlichen Stillstand offen. Zang zählt auf, was alles nicht funktioniert: Reisen, Arbeiten, Zusammenleben, Überweisen, Schreiben. All dies ist blockiert durch Straßensperren, Vorschriften, Bürokratie, die vom Konflikt angeknackste Psyche. Die Sinnwidrigkeit palästinensischer Generalstreiks, die vor allem der eigenen Wirtschaft schaden, und israelischer Politrhetorik, die auf dem Fehlen eines Partners insistiert, lassen Zang ratlos werden. Auch sein Alltag ist davon betroffen: Besonders die Schilderungen von Fahrten durch Palästina und Abwicklungen an Grenzübergängen und Straßensperren scheinen zu beweisen, wie versperrt der Weg zum Frieden ist.Erst der Frühling weckt mit einfallsreichen Initiativen, vor allem aber mit Geduld und Humor neue Hoffnung auf Versöhnung. Für den Autor hat die Region „alle Grundzutaten zum Paradies“ (S. 144), wegen ihrer wunderschönen Landschaft, spannenden Städte und liebenswerten Menschen. Zangs Liste von vielversprechenden regionalen, internationalen und vor allem israelisch-palästinensischen Kooperations- und Friedensaktivitäten ist lang. So können die Checkpoints Orte für freundliche menschliche Interaktion sein, und Elternkreise schaffen die Basis für Vergebung statt Rache.Jenseits von reduzierendem Mitleid und blinder Wut weckt der Jahreszyklus beim Leser Empathie und Interesse. Denn Zang verfällt nicht Klischees, man glaubt ihm und kann seine Gedanken und Geschichten mit eigenen, divergierenden zu einem Geflecht verdichten. Seinem Appell, sich selbst ein Bild zu machen und sich auf die menschlichen Dimensionen des Konflikts zu besinnen, möchte man folgen und dabei hoffen, dass dieser Ruf in Berlin und Brüssel nicht ungehört verhallt.

Franziska Schaaf
zuerst veröffentlicht in Neue Politische Literatur (Online-Rezensionen), Oktober 2007)

 

Der Honigkuss

Salwa Al Neimi: Der Honigkuss

Salwa Al Neimi
Der Honigkuss
126 Seiten, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008
ISBN: 978-3-455-40131-8, 14,95 Euro

Dieses Büchlein als Roman zu bezeichnen, ist zum einen wegen seiner Länge/Kürze übertrieben, zum anderen wegen seines teils essayistischen, teils erzählerischen Stils nicht ganz treffend. Sicher aber ist es nicht das Skandalbuch, als das es mancherorts verschrien oder angekündigt wurde.

Die Icherzählerin, eine verheiratete Bibliothekarin aus Damaskus, entdeckt alte arabische Klassiker, die in einer verschwiegenen Abteilung stehen, weil sie zur verbotenen Literatur der Erotika gehören. Durch die heimliche Lektüre dieser Bücher entdeckt die Erzählerin ihre weibliche Sexualität und lebt sie mit verschiedenen Liebhabern nach, wie sie erzählt. Doch nirgends werden erotische Details ausgebreitet. Ganz im Gegenteil: Es wird eigentlich mehr verschwiegen, weil – wie die Erzählerin sagt – ihr die Sprache dafür fehlt, die sie ebenfalls durch ihre Lektüre (wieder)entdeckt.

Das Buch ist eine Reflexion, eine geistreiche, persönliche Auseinandersetzung der Autorin mit der Erotik und der Entwicklung von Erotik und Sexualität von der Zeit der arabischen Klassiker bis heute, die gekennzeichnet ist durch ihre Verdrängung und Leugnung durch die arabischen Fundamentalisten. Das einzig Sensationelle ist, dass die Autorin die außereheliche Liebe nicht gerade propagiert, aber dennoch gutheißt, zumindest für ihre Protagonistin. Ob das Buch zur Nachahmung aufruft, wage ich zu bezweifeln. Alles ist sehr vage gehalten, so dass es nicht eindeutig als erotische Literatur gewertet - und verboten - werden kann. Das Buch unter Belletristik einzusortieren (bpsw. von Amazon), ist sehr geschickt, denn sehr viel mehr ist es in meinen Augen auch nicht: eine nette Bettlektüre, an der das Erotisch(st)e das Cover ist.

Ulrike Askari

 

Nach oben

Das Geheimnis des Kalligraphen

Rafik Schami: Das Geheimnis des Kalligraphen

Rafik Schami 
Das Geheimnis des Kalligraphen
464 Seiten, Hanser Verlag, München 2008, ISBN: 978-3446230514, 24,90 Euro

"Einmal im Leben wollte ich einen Roman wirklich nur für die Liebe und für die Schönheit der Schrift schreiben", sagt Rafik Schami in einem Interview mit Alexander Wasner vom SWR. "Ich war sehr müde von den langen Romanen mit Folterszenen, mit Gefängnis, mit Geheimdiensten ... Dieser Roman hat damit überhaupt nichts zu tun. Deshalb habe ich die Zeit gewählt, in der Syrien vier Jahre lang Demokratie hatte."

Schami zeigt Syrien wie es heute kaum noch einer kennt: bürgerlich, friedlich, beschaulich, weitestgehend tolerant. Er webt einen Teppich von Beziehungen, die zunächst scheinbar nichts weiter gemeinsam haben, als in derselben Stadt zu entstehen. Persönliche Beziehungen und Liebesbeziehungen, jugendliche, homoerotische Liebe, Geschäftsbeziehungen, Beziehungen zwischen Chef und Angestellten gestalten mehr und mehr einen bunten Teppich, der ein Bild von der Gesellschaft zeigt, das eine wehmütige Stimmung aufkommen lässt.

Aber nicht alles, was nach außen romantisch-orientalisch anmutet, ist gut, so wie es ist. Schon klingt Schamis Kritik an den sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen an, wenn er über den „Gnadenhof“ schreibt, einen Bezirk, in dem verarmte syrische Christen leben. Oder darüber, dass Mädchen eigentlich keine Schulbildung brauchen, weil sie sowieso heiraten und danach auch keinen Beruf ausüben dürfen. Dass viele Männer es nicht einmal erlauben, dass die eigene Ehefrau die Nachbarinnen zum Kaffeeklatsch besucht. Dass es Männer gibt, die neben den von der Religion erlaubten vier Ehefrauen noch diverse Geliebte haben.

Und während der berühmte Kalligraph Hamid Farsi seiner geliebten Kalligraphie all seine Aufmerksamkeit schenkt, kommt seine Frau Nura weniger gut bei ihm weg, sucht sich aber ihren Freiraum und findet ihn in Salman, dem Laufburschen ihres Mannes. Der Leser bemerkt bald, dass sich da mehrere Handlungsstränge parallel entwickeln und gönnt Hamids Frau ihr Glück, sieht aber auch, dass der Kalligraph in sein Unglück rennt, indem er heimlich Pläne ausheckt, die arabische Schrift zu reformieren. Dass dies nicht gerade auf die Gegenliebe konservativer Religiöser stößt, ihn seine Ehefrau kostet und schließlich sogar ins Gefängnis bringt, ist am Ende nicht mehr verwunderlich.

Insgesamt ergibt sich ein buntes Bild aus einer vergangenen Zeit, die noch so manche Nostalgie bis in heutige Tage retten konnte. Andererseits sind viele Liebenswürdigkeiten unwiederbringlich verloren gegangen. Doch Rafik Schami schwimmt nicht in Nostalgie oder Schwärmerei. Er webt einen Teppich aus Sachverhalten, erzählt Geschichten in einer Geschichte, leitet dabei den Leser unmerklich an das unvermeidliche Ende heran. Am Ende steht weder Bedauern noch Verwunderung, alles ist so folgerichtig. Und doch …

Ich kann Ihnen diesen Roman nur wärmstens ans Herz legen. Eine wunderbare Lektüre für ruhige Stunden in der Ostersonne.

Katja Schönke

 

Nach oben

Die Liebenden von Dschidda

Sulaiman Addoni: Die Liebenden von Dschidda

Sulaiman Addonia
Die Liebenden von Dschidda
383 Seiten, Hoffmann und Campe Verlag 2009, ISBN 978-3455401462, 22 Euro

Der erste Roman von Sulaiman Addonia scheint autobiographische Züge zu haben. Wie sein Protagonist Naser stammt auch Addonia aus Eritrea, musste als Kind in den Sudan flüchten, von wo er nach Dschidda ging und dort eine zeitlang lebte.  

Addonia beschreibt sehr feinsinnig die strikte Geschlechtertrennung in Saudi-Arabien, die ihm vorkommt wie ein Schwarz-Weiß-Film. Ganz in schwarz gehüllt sind die Frauen, wenn sie in der Öffentlichkeit zu sehen sind, während die saudischen Männer traditionellerweise ganz in weiß gekleidet sind. Die Welten sind so klar und drastisch getrennt, dass unverheiratete Männer keine Chance haben, überhaupt eine Frau kennen zu lernen. Jegliche Kontakte gelten als haram (tabu) und werden von der Religionspolizei unter Androhung von Stockschlägen und Schlimmerem tunlichst verhindert.

Was Männer untereinander tun, interessiert die Religionspolizei anscheinend wenig, ist es doch in allen arabischen Ländern üblich, dass befreundete Männer Hand in Hand gehen, sich umarmen und küssen. Doch in dieser strikten Trennung vom weiblichen Geschlecht geht es soweit, dass es fast schon normal ist, dass Männer einen Geliebten haben. „Bis zur Heirat leben Männer und Frauen in völlig getrennten Welten. Warum sollen wir bis dahin nicht unseren Spaß haben?“ (S. 56) Da Naser ein hübscher junger Mann ist, wird auch er von anderen Männern umworben – und er kann sich dem nicht immer entziehen – wie auch der Autor selbst erleben musste. Aber der Addonia spinnt seine Geschichte weiter. Auf der anderen Seite sind auch die Frauen eingeschlossen in eine rein weibliche Gesellschaft. So manche unter ihnen sucht aktiv den Kontakt zum anderen Geschlecht wie die Protagonistin Fiore. Sie macht auf sich aufmerksam, indem sie kleine Briefe vor den Füßen ihres Liebsten Naser fallen lässt. Als einziges Unterscheidungs- und Erkennungsmerkmal trägt sie pinkfarbene Schuhe, die unter ihrem schwarzen Umhang hervorschauen.

Sehr sensibel geht Addonia mit dem Tabuthema Sexualität um. Er deutet mehr an als er ausspricht. Die Beziehung des Protagonisten zu seiner Angebeteten ist zunächst eine eher platonische, wird aber im Laufe des Romans auf eine sehr zarte Art und Weise immer konkreter. Addonia beschreibt in einer wunderschönen, poetischen Sprache, wie die Liebe zu einer Unbekannten zu wachsen beginnt, nur aufgrund der Briefe, die sie ihrem Geliebten schreibt.

Die Liebenden von Dschidda ist ein unglaublich ruhiger Roman. Es gibt kaum „Action“ und wenn dann eher als „Nebenprodukt.“ Oft ist es die Religionspolizei, die Unruhe in das bürgerliche Leben bringt. Die eigentliche Liebesgeschichte entspinnt sich eher im Verborgenen. So braucht der Roman über 200 Seiten – langsam erzählte, ruhige, nie langweilige -, bis Naser seine Fiore zum ersten Mal sieht, richtig sieht, ohne ihren Schleier, und sogar mit ihr reden kann, was in dieser Gesellschaft bereits als Vergehen gilt.

Die zarte Liebesgeschichte wird immer überschattet von der Allgegenwart der Religionspolizei. Der Autor beschreibt die schlimmen Strafen, die denjenigen ereilen, der von den Hütern der Moral erwischt wird. Der Roman hat kein Happyend, lässt schließlich noch einen Hoffnungsschimmer aufkommen. Es überwiegt das Poetische, Hoffnungsvolle, Vorwärtsgerichtete. Der Autor klagt nicht an und lässt immer durchblicken, dass der Protagonist und alle anderen Figuren die freie Wahl der Entscheidung haben. Die strikte Geschlechtertrennung und die damit verbundenen Probleme bilden eher den Hintergrund für diesen leisen, poetischen, sehr empfehlenswerten Roman.

Ulrike Askari

 

Nach oben

Liebe mal Hundert

Claudia Ott: Gold auf Lapislazuli


Claudia Ott
Gold auf Lapislazuli - Die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients
157 Seiten, C .H. Beck-Verlag, München 2008, ISBN 978 3 406 57669 0, 14.90 Euro

Als der Beck-Verlag sie bat, seine Reihe “Die 100 schönsten…” durch Liebeslyrik aus dem Orient zu erweitern, hatte Claudia Ott spontan abgelehnt: “Keiner kann sich das anmaßen, denn die Fülle der Texte ist enorm. Allein die arabische Sprache kennt mehr als hundert Wörter für Liebe, und in kaum einer anderen Dichtung ist die Liebe so zentral, so facettenreich wie in der orientalischen.”

Claudia Ott, die promovierte Orientalistin muss es wissen, denn sie unterrichtet an der Universität Erlangen, spricht Arabisch, Hebräisch, Türkisch, Persisch und Paschtu. Den Verlagsauftrag nahm sie erst an, als sie die Idee hatte,  die Gedichte nach dem üblichen Schicksal von Liebespaaren zu ordnen - von der ersten Verliebtheit, über ihre Vereinigung bis hin zu Trennung und Abschied.
So ist es ihr gelungen, einen geordneten Reigen aus drei Jahrtausenden und aus verschiedenen Kulturen und Sprachen auf eine Art zu versammeln, dass der Leser erkennt, wie die Lyrik über alle Zeiten hinweg aufeinander Bezug nimmt.
Gedichte von Goethe und Heine fehlen nicht. Wir erfahren bei ihrer Buchvorstellung im Auswärtigen Amt im Rahmen des “Dialogs der Kulturen“, dass sich auch Rilke, Hausmann, Buber und Opitz durch den Orient, seinen Klang der Sprache, seinen Duft und seine Farben inspirieren ließen.

Das magische Farbenspiel von “Gold auf Lapislazuli” bildet das Tor, durch das Claudia Ott den Leser die geheimnisvolle Welt des Orients betreten lässt. “Gold auf Lapislazuli” - auch eine Metapher für Sterne auf tiefblauem Nachthimmel, die nicht nur die Autorin beim Übersetzen eines andalusischen Gedichtes bezauberte, sondern schon 2600 Jahre vor Christus den sumerischen König Gilgamesch, der seiner Angebeteten einen Wagen “aus Lapislazuli und aus Gold” verspricht. 

Bei ihren eigenen Nachdichtungen legt die Übersetzerin Ott großen Wert auf den Rhythmus der Urfassung. “So kann jeder Leser das orientalische Liebesgedicht auf seine Lebenswelt beziehen, kann den fernen Freund, den unerreichbaren Herrscher oder den Allmächtigen als Geliebten auffassen. Diese Vieldeutigkeit, Offenheit nach allen Seiten, ist in der orientalischen Dichtung Programm, sicher einer der Gründe für ihre Breitenwirkung,” schreibt die Autorin in ihrem Nachwort.

Heidemarie Blankenstein

 

Jussifs Gesichter

Najem Wali: Jussifs Gesichter

Najem Wali
Jussifs Gesichter. Roman aus der Mekka-Bar

272 Seiten, Hanser Verlag, München 2008, ISBN: 978-3446230064, 19,90 Euro

Die Ankündigung des Verlages beschreibt das Buch als einen bewegenden, dunklen, intensiven Roman über zwei ungleiche Brüder im Irak. Auf mich wirkte er surrealistisch, bisweilen grotesk, wie ein Eintauchen in die eigene Seele, die Wanderungen Jussif Walis durch Stadt, Kranken- und Irrenhaus, die Mekka-Bar, durch leere Straßen und Gedanken, durch Selbstgespräche und Visionen. Wer ist wer? Wer wird zu wem? Irgendwann verliert man als Leser den Durchblick. Welchen Namen, welches Gesicht haben wir gerade vor uns? Welche Identität? „Und wie war deine Reise, Jussif?“ … „Meine Reise beginnt jetzt. Ich habe mich entschieden, das Haus zu verlassen. Ich versuche, meine Identität und meinen Namen wiederzuerlangen.“ Auf der Suche nach der Identität des Jussif Wali, der mehrere Kriege im Irak mehr schlecht als recht überstanden hat, begleitet der Leser die Hauptfigur durch die geschundene Seele des irakischen Volkes, die Jussif Wali exemplarisch darstellt, durch das „Land der Siegreichen und Gedemütigten.“

Man erfährt bruchstückhaft und nach und nach, dass sich Jussif für den Tod eines kleinen Mädchens mit grünen Augen, blonden Zöpfen und blauem T-Shirt verantwortlich fühlt, obwohl sein Bruder Junis der eigentliche Täter war, dass Junis ein gewalttätiger und brutaler Mörder und Henker ist, der mit seinem Bruder den Namen tauscht, um sich selbst zu schützen, und dass Jussif letzten Endes erschossen wird.

Das Motiv des kleinen Mädchens mit den grünen Augen, den blonden Zöpfen und dem blauen T-Shirt durchzieht dabei wie ein Grundmotiv den ganzen Roman. Letztlich sieht Jussif in jeder Frau die Farben, dieses Mädchens und verfällt den quälenden Erinnerungen, aus denen es scheinbar kein Entrinnen gibt, außer in den Tod. Erst im Tod erkennt Jussif das neue, unbeschwerte Leben.

Im letzten Kapitel schließt Wali mit einer Art Schlussbetrachtung von außen, in der es heißt: „Es ist die Erzählung des Wahnsinns in all seinen Spielarten.“

Ulrike Askari

 

Nach oben

Viel Lärm um Aisha

Sherry Jones: Aisha


Sherry Jones

Aisha – Das Juwel von Medina
448 Seiten, Pendo Verlag; Auflage: 1, ISBN: 978-3866122192, 19,95 Euro

 „Der sündige Wind wehte den Skandal vor sich her, als ich, die Arme um Safwans Taille geschlungen, nach Medina hineinritt.“ Mit diesem ersten Satz weist die Autorin des Romans in eine Richtung, die er dann aber tatsächlich gar nicht nimmt.

Als ich die Ankündigung für die deutsche Veröffentlichung des historischen Romans von Sherry Jones über die jüngste Frau des Propheten Mohamed las, war ich sehr neugierig auf dieses Buch, vor allem, weil ich historische Romane liebe.Was kann an einem historischen Roman über eine der wichtigsten Figuren der islamischen Frühgeschichte so schlimm sein, dass ein Verlag die Veröffentlichung zurückzieht? Angeblich solle er pornographische Szenen beschreiben und mit weiteren Darstellungen die islamischen Befindlichkeiten verletzen.
Jetzt wollte ich es erst recht wissen!
Der dicke Band mit dem schönen aber etwas römisch anmutenden Cover versprach schon einmal volles Lesevergnügen, zumal die Autorin über ihre Intention auch noch schrieb, es sei ihr ein Anliegen gewesen, „zu einem besseren Verständnis des Islam in seiner reinen Form und damit auch zu einer Ächtung jeder Form des Rassismus gegen Muslime“ beizutragen.

Der Roman ist in Ich-Erzählerform geschrieben, bei dem die achtjährige Aisha beginnt, über ihr Leben in ihrem Elternhaus zu erzählen. Sie ist ein kleiner Wildfang, neugierig und immer mit anderen Kindern, besonders dem Nachbarsjungen Safwan, dem sie sehr zugetan ist, unterwegs und zu Streichen aufgelegt. Ein richtiges Kind eben, wie es Kinder – heutzutage - sein sollen. Doch ihr Leben ändert sich schlagartig, als sie Mohamed, dem Propheten, zur Frau versprochen wird. Zwar ist sie noch jung, aber Mohamed will sie dennoch so bald wie möglich heiraten, damit er sie in seinen Haushalt überführen kann. Und so wird das neunjährige Mädchen an einen Mann verheiratet, der bisher für sie ein Freund ihres Vaters, ein Onkel war. Von da an ist Aisha damit beschäftigt zu lernen, was es heißt die Frau des Propheten des Islam zu sein. Sie muss ihren Mann, der bereit ist, die Ehe nicht sofort mit ihr zu vollziehen, mit vielen anderen Menschen teilen, mit seinen Gefährten und nach und nach mit immer mehr Ehefrauen. Sie hat zu kämpfen mit ihren Gefühlen von Eifersucht und ihrem Anspruch, die „erste Ehefrau“ zu werden, zu sein und auch zu bleiben, weil sie nicht in die Lage kommen will, die Dienerin der „ersten Frau“ zu werden. Sie ist aber immer noch Kind und will unbedingt an den Schlachten als Kämpferin teilnehmen. Mohamed hat sie im Schwertkampf – mit einem Kinderschwert – unterwiesen, aber sie wird lediglich bei der Versorgung der Verletzten eingesetzt.

Es wundert mich nicht, dass es heiße Debatten um die Veröffentlichung gab. Im Islam ist es nicht ganz unstrittig, heilige Personen darzustellen, geschweige denn zu „fiktionalisieren“, wie Sherry Jones es selbst in ihren Anmerkungen am Ende des Buches sagt. Wie viel darf an Details über die Intimsphäre der Personen um den Propheten Mohamed gesagt werden oder gar über ihn selbst? Jones ist der Meinung, dass Mohamed ein sanftmütiger, weiser und mitfühlender Führer gewesen sei. Für meine Begriffe stellt sie die Person Mohammed aber in ihrem Roman so nicht dar. Auch die Figur der Aisha wirft für mich mehr Fragen auf als sie beantwortet. Im Roman heiratet Mohamed Aisha als Neunjährige – so auch einige historische Quellen, an die sich die Autorin zum Teil so eng anlehnt, dass Stefan Weidner, der Rezensent für die Frankfurter Allgemeine, schrieb: „Wären diese [islamischen Quellen] im Westen bekannter, wäre man schnell mit dem Vorwurf des Plagiats zur Hand. Die gesamte Handlung, der dramatische Höhepunkt, ja, sogar die Erzählhaltung sind in der islamischen Überlieferung vorgegeben - auch dort ist es stets Aisha selbst, die ihre Geschichte berichtet.“

Dass sie als erst Neunjährige bereits beginnt, um die Stellung der „ersten Frau“ im Harem zu kämpfen, scheint mir unglaubwürdig, wie auch ihre Intrigen gegen andere Ehefrauen, ihre Wutausbrüche, ihre vernünftigen Überlegungen und das daraus folgende strategische Handeln. Insgesamt sind die handelnden Personen, insbesondere Aisha, der Prophet Mohamed und die anderen Ehefrauen als Charaktere zu oberflächlich dargestellt und die Story wie eine Aufzählung der Ereignisse lediglich hintereinander „aberzählt“.
Wenn Sherry Jones meint, sie habe einen Roman schreiben wollen, der dazu beiträgt, das Interesse am und die Kenntnis über den Islam zu fördern und besonders die „entscheidende Rolle, die Frauen bei der Bildung der frühen islamischen Gemeinde gespielt haben“ zu schildern, so hat sie meiner Meinung nach eher dazu beigetragen, bereits bestehende Vorurteile zu verfestigen.
Das Vorurteil der „Kinderschändung“ ist darin begründet, dass Aishas Alter zur Zeit ihrer Hochzeit nach einigen traditionellen Überlieferungen neun Jahre betrug, zehn als die Ehe vollzogen wurde. Aber es gibt auch eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen, dass Aisha bereits ein Alter von 14 bis 21 Jahren erreicht hatte, als sie den Propheten heiratete.
Hätte Sherry Jones eine glaubwürdige Figur der Aisha entwerfen wollen, hätte sie sie meiner Meinung nach besser als etwas reifere junge Frau darstellen sollen. Die nahezu pubertären Streitereien mit den anderen Frauen, die Eifersuchtsszenen, die sie – nach dem Roman als Neunjährige – ihrem Mann macht, sind meiner Meinung nach nicht  plausibel. Die Art, wie ihr Mann, der Prophet Mohamed darauf reagiert, vermittelt nicht das Bild eines besonders sanftmütigen und mitfühlenden Mannes und nicht eines Mannes, der erheblich viel älter (zur Zeit der Eheschließung ist er über 50 Jahre alt!) ist als seine Frau und somit nahezu erzieherischen Einfluss auf ihre Entwicklung nehmen kann. Er scheint eher eine Pro-Forma Beziehung mit ihr zu haben, die nach dem Vollzug der Ehe zu einer körperlichen Beziehung wird.
Ob Aisha die Lieblingsfrau des Propheten war, ist historisch nicht wirklich von Bedeutung. Bei Sherry Jones spielt sie jedoch eindeutig die Hauptrolle, während alle anderen Frauen eher zu Statistinnen degradiert werden. Dass der Prophet aber seinen Anhängern vorgeschrieben hat, alle Frauen gleich zu behandeln, wird hier außer Acht gelassen.
Im Roman wird Mohamed eher als oberflächlich an den Frauen interessierter Mann dargestellt, der sich kaum beherrschen kann, wenn er eine neue Frau in seinen Harem bringt, was das Vorurteil bestätigt, Mohamed sei ein Schürzenjäger gewesen. Was tatsächlich an seiner Liebe zu den Frauen dran ist, lässt sich heutzutage nicht mehr eindeutig klären. Sicher ist, dass er einige Frauen eher aus politisch-strategischen Gründen geheiratet hat und andere, um sie in seinen Haushalt aufnehmen zu können und ihnen als verwitwete oder geschiedene Frau so ihren Lebensunterhalt zu sichern.
Auch die Schilderung der politischen Entwicklungen bzw. Verwicklungen, der Problematik, die Mohammed heraufbeschwört, indem er sich gegen bis dahin bestehende Traditionen richtet, oder Frauen in bestimmte Rechte einsetzt, die sie bis dahin nicht hatten, ihnen überhaupt erst einen bestimmten Wert als Mensch zuspricht, wird nicht einbezogen.

Sherry Jones, die einen College-Abschluss in arabischer Geschichte und Sprache gemacht hat – ob eigens für die Arbeit an ihrem Roman ist nicht klar -, schreibt für meine Begriffe so wenig historisch, dass ich dieses Buch nicht in die Kategorie „historische Romane“ einsortieren würde. Sie bezieht die Vorgeschichte des Islams nicht mit ein, um so die Veränderungen deutlicher herauszuarbeiten, die sich in der Gesellschaftsordnung unter dem Islam ergeben. Sie geht in keiner Weise auf die schwierigen Allianzen mit Beduinen, Juden, Christen ein, die der Prophet als geschickter Diplomat eingeht, und die immer wieder bedingen, dass er eine neue Ehefrau nach Hause führt.

Alles in allem denke ich, dass Sherry Jones, die auch Journalistin ist, lieber ein populärwissenschaftliches Sachbuch über Aisha hätte schreiben sollen, in dem sie auf die widersprüchlichen Informationen in den historischen islamischen Quellen mehr hätte eingehen und Vorurteile hätte entkräften können. So hat sie einen Roman geschrieben, der bestenfalls als Vorlage für eine typische Soap dienen kann – was ja anscheinend in Hollywood auch bereits diskutiert wird.

Ulrike Askari

 

Der Stachel des Bösen

Dorothee Pielow: Der Stachel des Bösen

Dorothee Pielow
Der Stachel des Bösen: Vorstellungen über den Bösen und das Böse im Islam
Würzburg: Ergon 2008, 174 S.
ISBN 978-3-89913-642-5

So mancher, der ein Stück christlicher Erziehung genossen oder erlitten hat, kennt diesen Effekt: Sobald er sich ernsthaft mit der islamischen Religion beschäftigt, tauchen vage Reminiszenzen auf, und es kommt ihm vor, als hätte er diesen oder jenen islamischen Glaubenssatz einst im katholischen oder evangelischen Religionsunterricht gehört. Und ganz unabhängig davon,  ob er dem christlichen Glauben treu geblieben ist oder mit ihm gebrochen hat, wächst ein Gefühl der Vertrautheit und somit die Erkenntnis, dass Islam und Christentum vielerlei gemeinsam haben. Genau darauf scheint die Autorin abzielen zu wollen: Der Leser soll, am Beispiel der islamischen Vorstellungen vom Bösen, über den Anteil des Eigenen im Fremden staunen und dabei begreifen, dass die drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) eine gemeinsame Sprache sprechen. Mehr noch: Er soll dies als ein Stück Aufklärung über den Islam begreifen, wie im Vorwort („Islamophobie: Der oder das Fremde ist böse“) deutlich wird.

Und da sich Pielow alle Mühe gibt, auch denjenigen Leser abzuholen und mitzunehmen, der nur Weniges zur eigenen, jüdisch-christlichen Tradition aufzurufen vermag, gerät ihre Darstellung zu einem stetigen Pendeln zwischen den drei Religionen. Dieses „interreligiöse“ Gegenüberstellen und Vergleichen bringt allerdings nicht bloß Gemeinsamkeiten, sondern auch Unterschiede zutage. So hat die islamische Darstellung des göttlichen Gerichts und der Hölle grausamere Züge als im Christentum; der Teufel hingegen ist vergleichsweise harmlos. Auffällig anders kommt indessen die islamische Anthropologie daher: Der Muslim ist von Erbsünde unbelastet, er hat die Freiheit, das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen. Allerdings versucht ihn dabei seine Nafs (sein „Selbst“) zum Bösen zu treiben, er muss daher einen lebenslangen Konflikt mit sich selbst austragen. Doch die fortwährende Mühe wird belohnt, denn zum göttlichen Gericht werden die guten und bösen Taten gerecht gegeneinander gewogen.

Bei genauer Lektüre indes erweist sich Pielows Buch weniger als eine geschlossene Darstellung denn als ein Potpourri aus Zusammengetragenem, dem es gedanklich an Schärfe mangelt. Nichtsdestotrotz ist es nützlich und lesenswert für denjenigen, der sich dem schwierigen Gegenstand des Bösen im Islam nähern möchte, ohne zeitraubend Fachliteratur wälzen zu müssen.

Andreas Christian Islebe

 

Nach oben

Von Algebra bis Zucker

Andreas Unger: Von Algebra bis Zucker

Andreas Unger (unter Mitwirkung von Andreas Christian Islebe)
Von Algebra bis Zucker: Arabische Wörter im Deutschen
Stuttgart: Reclam 2006, 261 S.
ISBN 978-3-15-010609-9

Man sollte sich vom ersten Eindruck nicht täuschen lassen: Hinter dem handlichen Büchlein mit dem bescheidenen Titel, das sich durch seine Ausstattung als Nachschlagewerk ausgibt, verbirgt sich ein gewichtiges Stück Kulturgeschichte. Vordergründig geht es um die „arabischen Wörter im Deutschen“, so der Untertitel. Das Arabische zeigt als „diejenige außereuropäische Sprache, aus der die meisten Wörter in die Sprachen des Westteils Europas gelangt sind“, dass mit den Wörtern immer auch mehr kam, als bloß Wörter. Und so verstecken sich hinter den Artikeln zu „Aprikose“, „Arsenal“ oder „Artischocke“ hochspannende, abenteuerliche Geschichten von weltreisenden Kulturgütern, die weit über die philologische Gelehrsamkeit hinausgehen, die ihnen doch zugrunde liegt. Unger erzählt uns, wie wir wurden, wer wir heute sind. Das ist spannend und unterhaltsam. Der Unterhaltungswert des Buches verdankt sich aber nicht einer bemühten Witzigkeit des Autors. Im Gegenteil hält dieser sich sehr zurück und vertraut ganz auf die Wirkung der akribisch zusammengetragenen Fakten. Und zu Recht. Hat man sich einmal an die vielen Klammern, Daten und Abkürzungen gewöhnt, kann man sich in den kulturhistorischen Miniaturen verlieren wie in einem Roman und wird dabei immer wieder ins Staunen geraten. Etwa über die wechselvolle Geschichte des heute so banal anmutenden Zuckers.

Der Autor benötigt weniger als fünf Druckseiten um unter dem Stichwort „Zucker“ einen Bogen von Neuguinea 8000 v.Chr. bis ins Europa unserer Tage zu schlagen und dazwischen eine kleine Weltgeschichte zu packen. Von Indien, wo man um 300 n.Chr. zuerst kristallisierten Rohzucker zu gewinnen verstand, kam der Zucker über Persien, wo die muslimischen Araber mit ihm bekannt wurden, wohl im 8. Jahrhundert bereits nach Spanien und Sizilien. Über drei Wege gelangten die Kenntnisse und Güter aus der arabischen Welt des südlichen und östlichen Mittelmeers ins nördliche Europa: über die kulturelle abendländisch-morgenländische Symbiose im spanischen Andalusien und auf Sizilien, über die Kreuzritter und schließlich über die Händler der italienischen Stadtstaaten. So auch der Zucker, der als Medizin und Genussmittel gleichermaßen begehrt war und auf lange Zeit ein Privileg der Reichen blieb, ein Luxus für Wenige. Da er der Haltbarmachung von Heilmitteln diente, die man von weither nach Europa importieren musste, wurde er zudem zum Geburtshelfer der Apotheke.

Dass der Zucker heutzutage für jeden erschwinglich ist, ist nicht zuletzt Ergebnis der rasanten Entwicklung, die in Europa seit der Frühen Neuzeit stattgefunden hat, während gleichzeitig in der arabischen Welt ein wirtschaftlicher Niedergang einsetzte. Am Beispiel des Zuckers offenbaren sich die Schattenseiten der europäischen Erfolgsgeschichte: Schon im 15. Jahrhundert hatten die Portugiesen das günstige Klima auf Madeira, den Azoren und den Kanaren zum Zuckerrohranbau genutzt. Bis dahin war er fast ausschließlich aus der arabischen Welt importiert worden. Kolumbus brachte dann auf seiner zweiten Reise 1493 das Zuckerrohr auf die Inseln der Karibik, und im frühen 16. Jahrhundert begannen die Portugiesen an den Küsten des von ihnen eroberten Brasilien mit dem Anbau, der sich als dermaßen arbeitsintensiv erwies, dass man, da die einheimische Bevölkerung stark dezimiert war, afrikanische Sklaven einzusetzen. Im Laufe der Zeit wurden etwa zehn Millionen Sklaven aus Afrika nach Amerika und in die Karibik verbracht.

Wirtschaftlich wurde der Zuckerrohranbau zu einem Dauererfolg: Man begann ab dem 17. Jahrhundert Rum aus ihm zu gewinnen, und als Ergänzung zu den ebenfalls in den Kolonien angebauten Genussmitteln Tee, Kaffee und Schokolade kam der Zucker gerade recht, deren Bitterstoffe zu kompensieren. Bald war der Zucker vom Speiseplan auch der Ärmeren nicht mehr wegzudenken: „In England wurde Tee mit Zucker im Lauf des 18. Jh.s sogar zu einem Hauptnahrungsmittel der entstehenden Arbeiterschaft, etwas später ergänzt durch Brot mit Sirup. Und schließlich war inzwischen der Zucker auch weitgehend in die Kochrezepte des Bürgertums für Kompotte, Marmeladenartiges und Süßspeisen eingedrungen.“ Als 1806 Napoleons Kontinentalsperre gegen englische Schiffe Europa vom Zuckernachschub aus den Kolonien abschnitt, gab das der Zuckergewinnung aus Rüben Vorschub, mit der man seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland zu experimentieren begonnen hatte. Rübenzucker setzte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts durch und deckt heute etwa 10 bis 15 Prozent des Kalorienbedarfs der Europäer.

Derart verschränkt, wie hier an nur einem Beispiel vorgeführt, zeigen sich Alltagskultur, Weltpolitik und Wirtschaftsgeschichte immer wieder. Ganz nebenbei erweist sich Ungers Buch so als Lehrstück, das die Rede von den gegeneinander stehenden und aufeinander prallenden Kulturen Lügen straft: Die Grenzen zwischen den Kulturen waren in der Regel durchlässiger, als es uns heute scheint, und die Begegnung der Kulturen führte immer wieder zu einer Bereicherung, von der alle Beteiligten profitierten.

Dr. Andreas Pflitsch

[Diese Rezension wurde in englischer und arabischer Sprache veröffentlicht in: Art & Thought / Fikrun wa Fann, Nr. 85, 45. Jahrgang, Mai 2007, S. 77-80.]

 

Nach oben

SympathieMagazin

SympathieMagazin „Palästina verstehen“

SympathieMagazin „Palästina verstehen“

„Blickwechsel auch daheim – nicht nur Ölwechsel!“

„Nicht der Kampf der Kulturen ist angesagt, sondern der Dialog der Kulturen. Wir müssen mehr miteinander reden – auch beim Reisen. Wir hätten uns nämlich viel zu erzählen, könnten manches voneinander lernen. Wenn Sympathie Zuneigung bedeutet, dann ist Sympathie für die Welt nötiger denn je. Schließlich gehört sie uns allen“, so schreibt Armin Vielhaber als Vertreter des Herausgebers Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. am Ende des neuesten Sympathie-Magazins.

Warum reisen wir überhaupt? Sicher, manche Menschen reisen, um einen Tapetenwechsel zu haben und sich zu entspannen. Aber immer mehr Reisenden war und ist das nicht genug. Sie suchen den „Mehrwert“, wie es so schön im Sympathie-Magazin in den allgemeinen Reiseinformationen heißt. So sollte man sich als Reisender schon vor Antritt der Reise die Frage stellen, worauf es ankommt. Auf das Fortgehen oder Ankommen oder vielleicht sogar auf das, was man erzählen kann, wenn man zurückkommt? Was man erlebt hat?

Und wie kann man etwas erleben? Indem man möglichst unvoreingenommen reist, offen für Neues, eine gewisse, unschuldige Neugier mitbringt, aber vor allem das Neue nicht gleich bewertet, sondern erst einmal respektiert! Was nicht bedeutet, dass man die Augen vor offensichtlichen Missständen schließen soll. Kein Gastrecht ist so heilig, dass es eventuelle Menschenrechtsverletzungen decken könnte. „Im Urlaub fühlt man sich in guten Händen bei Menschen, denen man zu Hause eher ausweicht: Ausländern. Irgendwie schizophren, oder? Deshalb: Blickwechsel auch daheim – nicht nur Ölwechsel!!“

In den kleinen, fast unscheinbaren Heften der SympathieMagazine, von denen es inzwischen eine ganze Reihe (64) über viele Länder der Erde, die fünf großen Religionen Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus und Judentum sowie über diverse Themen rund um das Reisen (Entwicklung, Fremdes, Umwelt, Globalisierung, Tourismus usw.) gibt, verstecken sich viele wichtige Weisheiten, aktuelle und interessante Meinungen, Ansichten und Berichte. Sie werden vor allem von Reiseveranstaltern und in der Erwachsenenbildung genutzt, so Susanne Weiß.

In dem gerade in zweiter Auflage neu erschienenen Heft „Palästina verstehen“ schreiben Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Privatpersonen über ihre Erfahrungen, Eindrücke und Einstellungen, über Daten und Fakten. So entstand mit 68 Seiten ein Heft, das zwischen Sachbuch, Reiseführer und Reisetagebuch angesiedelt werden könnte. die Texte sind nirgends beschönigend oder zeigen nur die gerade neu getünchte Seite des Landes. Ganz im Gegenteil.

Hier ist offen und ehrlich die Rede von verschiedenen Problemen, die das tägliche Leben in Palästina äußerst beschwerlich machen. Z. B. wenn Israel die Kraftstoffzufuhr in den Gazastreifen stoppt und es dort zeitweise kein Wasser gibt, weil das einzige Kraftwerk seine Turbinen nicht mehr betreiben kann. Auch der Strom fällt deswegen immer wieder aus. Ganz zu schweigen von den Problemen in den Krankenhäusern, den wachsenden Müllbergen in den Straßen, den Abwässern in den Straßen und anderen Folgen. Durch den Bau moderner Straßen im Westjordanland, so genannter „Lebensadern“, erschweren die Israelis den palästinensischen Bauern den Zugang zu ihren Feldern, weil sie die neuen Straßen nicht benutzen dürfen und dadurch weite Umwege machen müssen, um zu ihrem Ziel zu gelangen.

Noch schwieriger wird es angesichts der israelischen Siedlungen auf palästinensischem Boden oder um die Altstadt von Jerusalem herum, wodurch immer mehr palästinensische Gebiete voneinander abgeschnitten werden. Diese Abgetrenntheit etwa auch des Gazastreifens vom Westjordanland bringt Probleme für die wirtschaftliche Entwicklung mit sich. Hatten die Palästinenser zeitweise gedacht, dass der Tourismus der sogenannten Bibel-Touristen auch ihnen Früchte bringt, so wurden diese Hoffnungen u.a. durch die Zerstörung des Flughafens von Gaza, der erst 1998 eröffnet worden war, 2001 bei Angriffen der israelischen Armeebitter enttäuscht. Inzwischen bleiben in Bethlehem, Nazareth und anderen Orten mit Sehenswürdigkeiten viele Läden geschlossen, weil die Touristen meistens von israelischen Reiseführern betreut werden, die sie in Läden außerhalb der palästinensischen Gebiete, in Jerusalem und anderswo, komplimentieren.

Die schwierige politische Lage haben gleich mehrere Artikel zum Thema. Historisch erhellend sind der Artikel von Khaled M. Safi und Friedemann Büttner über die Zeit vor der Staatsgründung Israels 1948 sowie das Gespräch mit dem Historiker Klaus Timm zur Geschichte Palästinas „von der Teilung zur Besetzung.“

Trotz all der Schwierigkeiten, Ungerechtigkeiten, Hindernisse gibt es für viele Menschen gute Gründe, in Palästina zu bleiben, zu leben, zu arbeiten, z. B. für Dr. Abed Shokry, der nach seinem Studium in Deutschland zu seiner Familie zurückkehrte und die vielen Entbehrungen „in Kauf“ nimmt. Anke Abu Sitta lebt seit etlichen Jahren mit ihrem Mann im Gazastreifen und hat trotz der eingeschränkten Bewegungsfreiheit die Hoffnung auf eine Lösung nicht aufgegeben – so wie einige andere deutsche Frauen dort: „Der Gazastreifen mit seinen Menschen ist durchaus ein Ort, wo man auch als Deutsche gut leben kann.“

„Jedes Jahr kommen sie [die Zugvögel] nach Israel und Palästina. Für sie zählen keine politischen Fragen, sondern einzig die des ökologischen Gleichgewichts beiderseits von Zaun und Mauer,“ sagt Imad Atrash von der Palastine Widelife Society, die sich für den Erhalt seltener Arten engagiert.

Erfreulicherweise ist das Bildungsniveau trotz Armut sehr hoch, fast 90 Prozent aller jungen Leute machen einen Hochschulabschluss, wie Larisa Shaterian in ihrem Artikel über junge Leute in Palästina berichtet. Die staatlichen palästinensischen Schulen beginnen, darüber nachzudenken, dass die Kenntnisse von Fremdsprachen heutzutage immer wichtiger werden, so Georg Dürr. Daher soll in den Schulen die zweite Fremdsprache allgemein eingeführt werden, da „Fremdsprachenkompetenz das Denken weitet und … dadurch auch eine Offenheit Fremdem gegenüber wachsen kann.“

Es gibt zahlreiche NGOs, die sich in allen Bereichen, vor allem aber im zivilgesellschaftlichen Demokratisierungsprozess und im sozialen Bereich stark engagieren. Christian Sterzing weiß davon zu berichten. Viele junge Menschen in Palästina und Israel aber auch im Ausland engagieren sich für einen friedlichen Dialog, wobei nicht unbedingt die Ein- oder Zweistaatenlösung die wichtigsten Themen sind. So hat die 23jährige Nimala Kharoufeh den Glauben an friedliche Alternativen nicht aufgegeben und engagiert sich im Willy-Brandt-Zentrum in Jerusalem mit anderen jungen Menschen aus Palästina, Israel und Deutschland.

Ein kleines Stück Literatur sowie Musik darf nicht fehlen, schließlich ein Backrezept und einige Anmerkungen zum Thema Weihnachten von Helga Baumgarten.

Praktische Tipps und kleine Artikel wie etwa der „Für einen Euro nach Bethlehem und zurück“ von Friedemann Büttner, der zusammen mit Susanne Weiß die Redaktion hatte, runden das Heft ab.

Eine Fotostrecke und viele weitere schöne, aussagekräftige Fotos ergänzen das Heft.

Ulrike Askari

 

Nach oben

Al-Hamarneh

Ala Al-Hamarneh, Islam and Muslims in Germany

Al-Hamarneh, Ala/Thielman, Jörn
Islam and Muslims in Germany. Muslim Minorities (Volume 7)
Brill (Leiden/Bristol), 2008, 591 S.
ISBN 978 90 04 15866 5

Auf die Frage nach der Stellung des Islams und der Muslime in Deutschland stellte der ehemalige deutsche Botschafter in Algerien und Marokko und zum Islam konvertierte Buchautor Murad Wilfried Hofmann in einem Fernsehinterview inmitten der „Kopftuch“-debatte vor einigen Jahren fest, dass die deutsche Öffentlichkeit  in den letzten Jahren sich zunehmend mit den beiden Themen beschäftigt hätte. Er bewertete  diese Entwicklung als ein gutes Zeichen für ein zunehmendes Verständnis des Islams und des Zusammenlebens mit den Muslimen in Deutschland, wünschte sich jedoch mehr Informationen über sie, insbesondere über die modernen Aspekte dieser Religion, die über eine Milliarde Anhänger in allen Teilen der Welt hat.

Dem Wunsch nach mehr Information und intensiverer Auseinandersetzung mit dem Islam und der Lage der Muslime in Deutschland vernahm man auch von den zahlreichen Beiträgen auf der „Deutschen Islam Konferenz“, die in den Jahren 2006 und 2008 in Berlin auf Initiative des Bundesinnenministers organisiert wurde.

In diesem Zusammenhang ist das vor kurzem erschienen Buch „Islam and Muslims in Germany“ zu begrüßen. Auf  591 Seiten großen Formats wurden in 7 Kapiteln mit 22 Unterkapiteln und zahlreichen Tabellen und Figuren umfangreiche Informationen präsentiert, die sowohl die Forscher als auch die allgemein interessierte Leser(innen) neues Material liefern. Aus Platzgründen sieht der Rezensent sich in dieser Buchbesprechung gezwungen, nur auf einigen Fragestellungen zu beschränken, nämlich die Aussagen von einigen Autoren zur Rolle des Islams im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung der Muslime in Deutschland und bei der Leistung der Muslime als Literaten und Unternehmer. Nach seiner Meinung verdienen die beiden Themen stärkere Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit.

Rolle des Islams in der gesellschaftlichen Entwicklung der Muslime in Deutschland

Für lange Zeit galt Religion als antimodern bzw. antisäkular. Davon war die islamische Religion keine Ausnahme. In dem vorliegenden Buch belegen einige empirische Studien, dass Islam stabile Identitäten schafft, die die Vitalität der Muslime in der deutschen Gesellschaft erhöht.
Faruk Cen (Zentrum für Türkeistudien in Essen) konstatiert in seiner empirischen Untersuchung  (S. 33-48), dass die islamische Religion immer noch ein bedeutender Teil  der türkisch-islamischen Kultur ausmacht. In einer anderen empirischen Untersuchung, die in Kiel stattfand, bewerteten 85% der befragten jungen Muslime den Islam als wichtig oder sehr wichtig (Kea Eilers, Clara Seitz, Konrad Hirschler, S.83-115). Diese hohe Bewertung des Islams stellt für Muslime, auch für Konservativen unter ihnen, kein Hindernis dar, unter  säkularer Gesetzgebung und Gesellschaftsordnung, wie die deutsche, zu leben und dabei Vitalitäten zu entwickeln. Die Probleme der Muslime sollten nach Meinung von Professor Mathias Rohe (Universität Erlangen) nicht in der Religion, sondern in Bereichen wie Bildung und Sprache sowie in den beobachteten Tendenzen zur Selbstabschottung vieler Muslime gesucht werden.

Einige Aspekte der Vitalität der Muslime in der deutschen Gesellschaft

Die größte Zahl der muslimischen Migranten  kam in den 1960er Jahren nach Deutschland; sie stammten überwiegend aus der Türkei und mit Abstand aus Nordafrika. Diese „Gastarbeiter“, wie man sie genannt hatte, hatten kaum Bildung oder berufliche Fähigkeiten, hielten an der Tradition ihrer Heimatländer fest und pflegten kaum Kontakte mit Deutschen.
Die zweite und dritte Generation der Migranten (40% der 1.9 Millionen Türken in Deutschland, also 707.000, sind in Deutschland geboren. Robert Pütz, S. 513) unterscheiden sich grundsätzlich von ihren Eltern: viele unter ihnen haben einen Universitätsabschluss oder einen Beruf gelernt; sie sind in allen gesellschaftlichen Bereichen präsent und ihre Leistung wird im Allgemeinen von der Mehrheitsgesellschaft anerkannt.

1. Arabische Schriftsteller in Deutschland

In ihrer Studie über die literarischen Produkte von arabischen Migranten in Deutschland (S. 353-370) hebt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Yafa Shanneik, die selbst zu der zweiten Generation der arabischen Migranten gehört, die große Bedeutung der Literatur für eine der ursprünglichen Kultur nicht leugnende Integration der arabisch-muslimischen Migranten in die deutsche Gesellschaft hervor, zumal es in der deutschen Sprache geschrieben ist und sowohl heimatliche als auch deutsche Werte und Anschauungen in einer fiktiven und unterhaltsamen Weise enthielt. Von Bedeutung in diesem Zusammenhang ist die literarische Verarbeitung der persönlichen Beziehungen in einem der Muslim juristischer, medialer und wirtschaftlich fremder deutschen Umgebung. Die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf diese Literatur, die als spezifische Art der deutschen Literatur zu bezeichnen ist oder, wie es Frau Shanneik einst nannte, als deutsche Literatur mit ausländischem Akzent, empfindet Frau Shanneik mit Genugtuung: einige Romane der arabischen Migranten, wie die in ihrer Studie analysierten Romane der palästinensischen Autorin Halima Alaiyan und des palästinensischen Autors Salim Alafenisch, finden eine respektable deutsche Leserschaft.

2. Türkische Unternehmer in Deutschland

Das Image der muslimischen Migranten als „ungelernte Gastarbeiter“ oder „Gemüseverkäufer“ hat sich seit der 1990er grundsätzlich verändert: nach offiziellen Statistiken vom Jahr 2005 gibt es in Deutschland über 60.000 türkische Unternehmer, davon 5.000 Frauen (Verona Schreiber 489-508; Robert Pütz 511-535, hier S. 514).
Der Entschluss eines Türken bzw. einer Türkin ein Unternehmen aufzubauen, hängt von vielen individuellen Faktoren, wie der Besitz eines deutschen Passes oder eine unbefristete Arbeitserlaubnis, die eine selbstständige  Erwerbstätigkeit erlaubt, oder von Schwankungen des Arbeitsmarkts, ab.
Im Allgemeinen sucht sich der türkische Unternehmer zunächst eine rentable Nische, wie die Gründung eines Reiseunternehmens für Reisen in die Türkei, eines Beerdigungsinstituts, das nach islamischen Bestimmungen arbeitet, oder ein Übersetzungsbüro für Türkisch. Solcher Nischen-Markt hat sich in den letzten Jahren gewandelt: Ein Fünftel der türkischen Unternehmen in Deutschland sind erfolgreiche multi-business Unternehmen; ein Achtel der Unternehmen sind in Sektoren tätig, die hohe Kapitalinvestitionen und intensives Know-how erfordern (Pütz, S. 515). Diese Entwicklung tendiert dazu, ethnische Elemente im Unternehmen, wie die Einstellung von Verwandten oder Personen aus heimatlicher Umgebung, zu verlassen und das Unternehmen auf  hohem kapitalistischen Niveau durchzuführen.

Abschließende Bemerkung

In seinem einleitenden Artikel wies Jörn Thielmann daraufhin, dass es ihm und sein Mitherausgeber aus verschiedenen Termin- und Platzgründen nicht gelungen war, zusätzlich andere wichtige Themen in das Buch aufzunehmen. Die Fülle von Informationen in dem vorliegenden Buch ist beachtlich und überzeugend. Für die Zukunft wünscht sich der Rezensent eine Analyse des Beitrags von aufgeklärten Muslimen in Deutschland zur Entwicklung ihrer ursprünglichen Heimatländer. Auch wäre es zu begrüßen, wenn das ganze Werk oder Teile davon ins Deutsche  übersetzt würde.

Ghazi Shanneik

Nach oben

 
 
Kontakt  |  Impressum  |  Sitemap